Adolf Stoecker

Namenspatron Stoecker mit Gemeindehaus in Hille/Eickhorst.
Es wurde im August 2007 in "Evangelisches Gemeindehaus Eickhorst" umbenannt.
Montage:
www.zg-minden.de

Siehe auch im Kritiknetz: "Der christlich-soziale Antisemitismus des Adolf Stoecker" unter der Kategorie Antisemitismus.

 

Adolf Stoecker

Evangelischer Pfarrer, Begründer der ersten deutschen Antisemitenpartei und mancherorts immer noch Vorbild

Adolf Stoecker (1835 – 1909) ist heute weithin unbekannt, obwohl immer noch Einrichtungen der evangelischen Kirche und Straßennamen in verschiedenen Städten, vor allem in Westen Deutschlands, nach ihm benannt sind. Unter anderen gibt es in Bochum eine Adolf-Stoecker-Straße (umbenannt in "Anne-Frank-Straße" 2007), in Essen ein Adolf-Stoecker-Haus und in Duisburg ein Altenheim, das nach dem antisemitischen Altvorderen benannt ist. Stoecker war Militärpfarrer, als er 1874 von Kaiser Wilhelm I wegen seiner vaterländischen Predigten als Hofprediger nach Berlin berufen worden ist. Er begründete 1877 die Berliner Stadtmission und mischte sich bald in die Parteipolitik in der Hauptstadt ein. Dazu gründete er 1878 die Christlich-Soziale-Arbeiterpartei (CSAP), mit der er den Sozialdemokraten in der Arbeiterschaft das Wasser abgraben und die Arbeiter für Christentum, Kaiser und Vaterland zurück gewinnen wollte. Diese Bemühungen scheiterten schnell. Bei den Wahlen 1878 erreichte die CSAP in Berlin nur 1421 Stimmen, die SPD dagegen 56 000 Stimmen. Stoecker zog daraus die Konsequenz, in seinen politischen Kundgebungen neben Sozialkritik die Schuldfrage für gesellschaftliche Missstände in den Vordergrund zu rücken. Als Sündenböcke galten ihm dabei neben den Sozialdemokraten zuvorderst die Juden wegen angeblicher Fremdrassigkeit und Raffgier. Die CSAP mutierte 1879 unter Stoeckers Führung zur antisemitisch ausgerichteten Christlich-Sozialen Partei (CSP).

Volkstribun der „Berliner Bewegung“

Stoeckers Begabung als antisemitischer Demagoge erregte  erstmals 1879 Aufsehen. In seiner Rede „Das moderne Judentum in Deutschland“ erklärte er: „Früher hieß es, die Emanzipation werde die Juden mehr in andere Erwerbszweige treiben. Nun sind sie emanzipiert; es ist das Gegenteil eingetreten. Noch mehr als früher cultivieren sie die Erwerbszweige, in denen leicht und viel verdient wird. … An der Arbeit der Handwerker sind sie fast gar nicht, an der Fabrikation wenig beteiligt. Daraus folgt, dass sie an der Arbeit keine Freude, für die deutsche Arbeitsehre keine Sympathie haben…. Sie sind überall da, wo es Not und Spekulationslust zu benutzen gilt.“1 Indem Stoecker Juden als charakterlich arbeitsscheu, geldgierig und betrügerisch denunzierte, gelang es ihm Hass und Neid in allen benachteiligten Volksschichten zu schüren. Der Hofprediger schlüpfte fortan in der Rolle eines Volkstribuns und war zwischen 1880 bis 1890 maßgeblich an der judenfeindlichen „Berliner Bewegung“ beteiligt, nach den Worten von Reichskanzler Bismark damals sogar der „bedeutendste Antisemit“.2 Diese Bewegung hatte in Berlin begonnen, daher der Name, und verbreitete sich später im ganzen Reich. Sie setzte sich vor allem aus benachteiligten Schichten des Mittelstands, verarmten Handwerkern, Kaufleuten, Bauern und Teilen der Intelligenz (Offiziere, Hochschulangehörige) zusammen. Hunderttausende verlangten ein Verbot weiterer jüdischer Einwanderung, den Ausschluss der Juden von allen obrigkeitlichen Ämtern und von der Volksschullehrerschaft, ihre Beschränkung im Justizdienst, im höheren Schulwesen und so weiter.

Keine Abgrenzung zum Krawallantisemitismus

Im Juni 1880 wurde Stoeckers „Volksversammlung“ in der Berliner Tonhalle nach Tumulten polizeilich geschlossen. Stoecker hatte über Parteien und Religion gesprochen. Als von Sozialdemokraten Zwischenrufe gegen die Kirche fielen, antwortete er mit der Gegenfrage: „Warum fordern sie nur von den Geistlichen soziale Hilfe? Warum nie von den Juden? Herr von Bleichröder (Jude und Bismarks Privatbankier) hat mehr Geld, als alle evangelischen Geistlichen zusammen.“3 Der angegriffene Bleichröder beschwerte sich beim Kaiser. Wilhelm I beließ es bei einer persönlichen Abmahnung für Stoecker, sich zukünftig zu mäßigen. An die Adresse von Bleichröder erklärte der Kaiser in Anlehnung an den christlichen Antijudaismus, er könne es seinem Hofprediger nicht untersagen, wenn er die Religion des vom Judentum verfolgten Heilands gegen das Judentum in Schutz nehme. In seiner berüchtigten Rede in der Berliner Bockbrauerei versprach der Hofprediger 1883 seinem Publikum: „Wir bieten den Juden den Kampf an bis zum völligen Siege und wollen nicht eher ruhen, als bis sie hier in Berlin von dem hohen Postament, auf das sie sich gestellt haben, heruntergestürzt sind in den Staub, wohin sie gehören.“4 Der Hofprediger begründete seine Judenfeindschaft traditionell christlich mit Hinweis auf eine „Messiasverfehlung der Juden“. Sie hätten den Heiland gekreuzigt und seien deswegen verflucht in aller Welt. Er glaubte im Unterschied zum biologisch-rassisch begründeten Antisemitismus, mit einzelnen Juden, trotz ihrer „rassischen Fremdheit“, durch die christliche Taufe und einer damit verbundenen „Lossagung von Israel“ in nationaler Gemeinschaft leben zu können. In seinen politischen Versammlungen schlug Stoecker jedoch vornehmlich rassistische Töne an und behauptete etwa: „Die Juden sind und bleiben ein Volk im Volke, ein Staat im Staate, ein Stamm unter einer fremden Rasse“.5 Stoecker distanzierte sich 1881 auch nicht von den russischen Pogromen und arbeitete mit antichristlichen Antisemiten wie Henrici zusammen.6 Beim Tivoli-Parteitag der Deutschkonservativen Partei7 im Dezember 1892 in Berlin sorgten Stoecker und seine Anhänger dafür, dass folgender Satz neu in das Programm aufgenommen wurde: „Wir bekämpfen den vielfach sich vordrängenden und zersetzenden jüdischen Einfluss auf unser Volksleben.“ Zugleich trat Stoecker mit Erfolg dafür ein, dass ein Zusatzantrag: „Wir verwerfen die Ausschreitungen des Antisemitismus“, abgelehnt wurde.8

Vom Kaiser zum Rücktritt als Hofprediger genötigt

Bei Wilhelm II war Stoecker 1890 in Ungnade gefallen. Während Wilhelm I sich noch mit Ermahnungen und Verweisen begnügt hatte, setzte Wilhelm II Stoeckers Rücktritt vom Hofpredigeramt durch. Auch der 1888 auf den Thron gelangte Wilhelm II war kein Judenfreund. Er wollte sich jedoch, um der eigenen Popularität willen, nicht länger mit der Hypothek von Stoeckers Skandalauftritten im In- und Ausland belasten und ihnen den Anschein kaiserlicher Rückendeckung entziehen. Letzter Anstoß waren Reden, die Stoecker im Oktober 1890 in Baden gehalten hatte. Der politisch liberal eingestellte Großherzog von Baden hatte beim Kaiser ihre antisemitische Stoßrichtung moniert. Stoecker musste im November 1890 seinen Hofpredigerstuhl freimachen.

Anhaltender ideologischer Einfluss

Mit Stoeckers Sturz als Hofprediger war sein tagespolitischer Einfluss nachhaltig geschwächt. Ganz anders verhielt es sich mit dem zeitgeschichtlichen Fortwirken seiner antisemitischen Ideen. Auch nach seinem Scheitern in Berlin setzte Stoecker seine judenfeindlichen „Volksversammlungen“ fort. Sie fanden im ganzen Reich regen Zulauf. Er behielt seine Reichstags- und Landtagsmandate für das Siegerland und Minden -Ravensberg und besaß auch an deutschen Universitäten (er war Ehrenvorsitzender des antisemitischen Kyffhäuser-Studentenverbandes) weiter großen Einfluss. In der evangelischen Kirche galt Stoecker nachfolgenden Pfarrergenerationen als Vorbild. Die ersten Nachkriegs EKD-Vorsitzenden, Theophil Wurm und Otto Dibelius, blieben zeitlebens Stoecker-Anhänger. Wurm schrieb 1938: „Ich habe von Jugend auf das Urteil von Männern wie Heinrich von Treitschke und Adolf Stoecker über die zersetzende Wirkung des Judentums auf religiösem, sittlichem, literarischem, wirtschaftlichem und politischem Gebiet für zutreffend gehalten.“9

„Prophet des Dritten Reiches“

Stoeckers zeitgeschichtliches Fortwirken hatte in den Jahren der NS-Diktatur vor allem in der Bekennenden Kirche Konjunktur. Im „Mindener Sonntagsblatt“ (MS), einer kirchlichen Wochenzeitung, die der BK nahe stand, konnte man im Dezember 1835 aus Anlass von Stoeckers hundertstem Geburtstag kurz nach der Einführung der Nürnberger Rassengesetze lesen: „Stoecker war einer der ersten gewesen, der die vergiftete Macht moderner jüdischer Gedankengänge in unserem deutschen Vaterlande erkannte, zumindest war er derjenige, der die deutsche Öffentlichkeit zum ersten Mal entscheidend aufmerksam machte auf das, was das Judentum am deutschen Volk sündigte. Er war es, der hinwies auf die verhältnismäßig große Prozentzahl jüdischer Intellektueller in juristischen Kreisen, in Kreisen der Ärzte, an den höheren Schulen Deutschlands, vor allen Dingen auch in der Presse. Er war es, der darauf aufmerksam machte, dass der jüdische Geist innerhalb Deutschlands ein Fremdgeist sei und dieser Fremdgeist die Seele unseres Volkes zu verderben drohe.“10 Zwei Ausgaben davor hieß es im MS in einer weiteren Stoecker-Laudatio: „Den Kampf gegen den Einfluss des jüdischen Geistes hat heute die Staatsführung sich selber zu eigen gemacht … so ragt Adolf Stoecker als ein Prophet des Dritten Reiches in die Gegenwart hinein.“ Der bekannte Bielefelder Bekenntnispfarrer Karl Pawlowski setzte sich 1937 mit Erfolg dafür ein, in Bielefeld eine Straße nach Stoecker zu benennen. Seine Begründung lautete: „In Adolf Stoeckers scharfen Kampf gegen das Judentum hat er in der Tat schon vor 50 Jahren Grundsätze entwickelt, die erst heute nach dem Umbruch von 1933 verwirklicht werden konnten.“11

„Gutes getan aber auch schuldig geworden“

Die offen judenfeindlichen Forderungen aus der Berliner Bewegung werden heute in der evangelischen Kirche natürlich nicht länger erhoben. Der Umstand, dass für Stoecker die soziale Frage hauptsächlich ein Anlass war, Juden kollektiv als Sündenböcke der Nation hinzustellen, wird dagegen in kirchlichen Kreisen immer noch gern übersehen bzw. sogar abgestritten. In Ostwestfalen steckt die Auseinandersetzung um Stoeckers Bedeutung mancherorts immer noch in den Kinderschuhen. Das wurde deutlich, als anno 1987 vom Bielefelder Stadtparlament mit SPD- und Grünen Stimmen die dortige Adolf-Stoecker -Straße in Dr. Bernhard Moosberg- Straße (Auschwitz-Opfer) umbenannt wurde. Das Presbyterium der Nikoleigemeinde sah damals durch die Namensänderung vermeintliche Verdienste von Stoecker in Frage gestellt. In einem Protestschreiben hieß es: „Sein Lebenswerk umfasse weit mehr als antisemitische Äußerungen.“12 Ähnliches war im Kirchenkreis Minden vernehmbar, als im Januar 2002 die Namensgebung für das Adolf-Stoecker-Gemeindehaus in Hille/Eickhorst – sie war 1964 (!) mit Zustimmung des Landeskirchenamtes in Bielefeld erfolgt – in die Kritik geriet. Die Umbenennung in „Evangelisches-Gemeindehaus-Eickhorst“ erfolgte im August 2007. Bis dahin hieß es auf einer im Februar 2003 zur Beschwichtigung der Öffentlichkeit am Gemeindehaus angebrachten Erinnerungstafel: Stoecker habe „die geistlichen und sozialen Nöte seiner Zeit erkannt und bekämpft“. Gleichzeitig sei „mit dem Namen Adolf Stoecker jedoch Antisemitismus verbunden, dem es auch heute entschieden entgegen zu treten gilt.“13

Die dichotomische Stoecker Würdigung „Gutes getan aber auch schuldig geworden“ erinnert an Ausführungen, die Professor Bernd Hey, der vormalige Leiter des Landeskirchlichen Archivs in Bielefeld, in seiner 1974 erschienenen Dissertation „Die Kirchenprovinz Westfalen 1933 – 1945“ gemacht hat. Hey konstatiert darin für die NS-Zeit besonders in Westfalen und im Siegerland ein „Fortleben des christlich-sozialen Gedankenguts“ und kommentierte dies mit den Worten: „So verwundert es nicht, wenn führende Männer der westfälischen Bekenntniskirche sich im Kirchenkampf immer wieder auf den auch von den Nationalsozialisten geschätzten Stoecker beriefen.“14 Hey verzichtete darauf, Stoeckers soziales Engagement, das seit seiner „Berliner Rede“ in der Regel mit demagogischen Angriffen auf das Judentum verknüpft war, kritisch zu hinterfragen. Die von Hey außer Betracht gelassene antisemitische Stoßrichtung von Stoeckers sozialer Agitation wird auf dem nebenstehend abgebildeten „Antisemitenkrug“ anschaulich in folgender Parole zusammengefasst: „Das Handwerk darbt bei kargem Lohn, den Segen raffet sich der Cohn.“

Der Antisemitenkrug 1910

Das obere Portrait am Henkel stellt
Adolf Stoecker dar.
Bildnachweis: Preußen-Museum NRW Minden

    Bildinschriften:

    Das Handwerk darbt bei kargem Lohn,
    den Segen raffet sich der Cohn

     

    Kauft nicht bei Juden

     

    Dieser Pflug wär nicht so schwer,
    wenn Aron, Jonas, Hirsch nicht wär

     

    Der Michel liegt im Schlaf versunken,
    von Judenzeitungsfusel trunken,
    sie plündern ihm die Taschen aus,
    sie pressen ihm den Schweiß heraus.

 

Hey benennt in seiner Dissertation anschließend zwar auch „latenten Antisemitismus in der Pfarrerschaft“, um die kirchliche Bezugnahme auf Stoecker zu erklären. Statt jedoch die Haltung der Bekennenden Kirche zur Judenverfolgung konkret zu untersuchen, zum Beispiel in der überlieferten Kirchenpresse, begnügt er sich mit einer Anleihe bei der „Betheler Schulderklärung“ von 1946, wo es im Rückblick auf die NS-Jahre beschönigend heißt: „Wir haben dann gegen die Ausrottung der Juden und anderer Verfemter nicht laut genug unsere Stimme erhoben“.15 Die Bewertung, dass die Stimme „nicht laut genug“ erhoben wurde, verschweigt die aktive kirchliche Beteiligung an der Judenausgrenzung bis 1938 und beschönigt das Wegsehen gegenüber den Vorkommnissen in der Reichspogromnacht, bei der Arisierung und bei den Deportationen. Eine Begründung, warum die Stimme der Kirche nicht zu hören war, gibt Hey nicht. Der Leser erfährt nur, dass damals „ängstlich einer ernsthaften Konfrontation mit den Problemen der Judenverfolgung ausgewichen wurde“.16 Wo es vor allem auf eine Reflexion der politischen Schnittmengen zwischen den Zielen der Kirche mit der Ideologie der Nazis angekommen wäre, begnügt sich Hey mit Hinweisen auf mangelnde Zivilcourage. Damit bereitet er den Boden für das altbekannte apologetische Frage und Antwortspiel: „Wie hättest Du Dich damals verhalten?“ - „Der werfe den ersten Stein, der sich frei von Schuld wähnt.“

Öffentliche Diskussion brachte Bewegung

Arno Herzig meinte 1973 in „Judentum und Emanzipation in Westfalen“: „Aber es ist nicht nur Opportunismus, der die Kirche zu ihrer Zurückhaltung veranlasste. Letztlich rächte sich ihre Jahrhunderte lange Haltung gegenüber dem Judentum. … Auch die evangelische Kirche in Westfalen hatte sich bis 1933 nicht mit den Aktionen der Stoeckerbewegung und der ´politischen Pastöre` in Minden Ravensberg und in anderen Distrikten Westfalens auseinandergesetzt.“17 Weggesehen wurde und wird in der Landeskirche zum Teil noch bis heute.18 Mal, indem die positive Haltung der Bekennenden Kirche gegenüber Stoecker als taktischer Schachzug gegenüber den Nazis entschuldigt wird. Stoecker, „von den Nationalsozialisten geschätzt, (musste) der kirchlichen Opposition häufig zum Anwalt dienen“, liest man dazu bei Hey19. Andere Kirchenvertreter sehen in Stoecker unverändert einen Anwalt gegen soziale Missstände in der Gesellschaft, wobei sein Antisemitismus als Zeitbedingte Verfehlung kleingeredet wird. Etwa mit der Behauptung: Stoecker habe sicher nachfolgende Pfarrergenerationen beeinflusst, aber vor allem mit seiner Kritik an den sozialen Verhältnissen.

Die über 5 1/2 Jahre andauernde öffentliche Diskussion über Stoecker hat in Minden für Bewegung gesorgt. Während die vormalige Superintendentin noch 2004 Stoecker pauschal soziales Engagement bescheinigte, hieß es von Seiten der Kreissynode im Herbst 2006 in einer mehrheitlich angenommenen Beschlussvorlage zur Würdigung von Stoecker: „Sein Werk ist untrennbar mit dem modernen Antisemitismus verbunden und kann in der Öffentlichkeit nicht in ´gute` und ´schlechte` Seiten aufgeteilt werden“. Anno 2007 machte schließlich auch das öffentlich und innerkirchlich unter Druck geratene für die Namensgebung zuständige Presbyterium den Weg zur Umbenennung frei.

Anmerkungen

1. Das moderne Judentum in Deutschland, besonders in Berlin, Berlin 1880, 4.Auflage, Seite 18
2. Heinrich von Poschinger, Also sprach Bismark, zitiert nach: Walter Frank, Hofprediger Adolf Stoecker und die christliche Bewegung, Hamburg 1935, Seite 240
3. Adolf Stoecker, Dreizehn Jahre Hofprediger und Politiker, Berlin 1895, in: Reden und Aufsätze von Adolf Stoecker, Hrg. Reinhold Seeberg, Leipzig 1913, Seite 99
4. Stoecker, zitiert nach Frank, Seite 84
5. Wie Anm. 1, Seite S.17
6. Martin Greschat, Protestantischer Antisemitismus in Wilhelminischer Zeit, in: Antisemitismus Von religiöser Judenfeindschaft zur Rassenideologie, Hrg. Günter Brakelmann und Martin Rosowski, Göttingen 1989, Seite 33
7. Die Mitglieder der CSP kandidierten bei Wahlen auf den Listen der Deutschkonservativen
8. „Kreuzzeitung“ vom 8. und 9. Dezember 1892
9. Greschat, wie Anm. 6, Seite39
10. „Mindener Sonntagsblatt“, 50/1935
11. „Neue Westfälische“, 111/1987
12. Ebd.
13. „Mindener Tageblatt“, vom 5. Febr. 2003
14. Bernd Hey, Die Kirchenprovinz Westfalen 1933 – 1945, Bielefeld 1974, Seite 24
15. Ebd., Seite 346
16. Ebd., Seite 348
17. Arno Herzig, Judentum und Emanzipation in Westfalen, Münster 1973, Seite 144
18. Kirchenvertreter haben beim Wegsehen heute keine Monopolstellung. In der von Wolfhart Beck 2002 veröffentlichten Dissertation „Westfälische Protestanten auf dem Weg in die Moderne Die evangelischen Gemeinden des Kirchenkreises Lübbecke zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik“, sucht man im Kapitel über die NS-Zeit vergeblich nach Begriffen wie Jude oder Antisemitismus, obwohl im Kirchenkreis Lübbecke auch die Synagogen brannten und Nichtarier verfolgt wurden. Dem Mindener Geschichtsverein war Becks Arbeit ohne Juden ein „Geschichtspreis“ wert.
19. Hey, wie Anm. 15, Seite 222
Aktualisierte Fassung vom 22.1.08

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Stellungnahme der Kirchenkreis-Synode zu Adolf Stoecker (MT, 19.6.06) und Leserbrief-Replik (MT, 21.7.06)
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Das „Mindener Tageblatt berichtete am 6. Oktober 2006 unter der Überschrift „Christlicher Glauben bei brauner Gesinnung - ´Posaunengeneral` macht Kirche Schwierigkeiten“ über einen vergleichbaren Fall kirchlicher Verdrängungskunst in Westfalen.
Zum Artikel im
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Überlegungen zum Stand der Stoecker-Diskussion im Raum Minden/Bielefeld
(November 2006)

„Aber es ist nicht nur Opportunismus, der die Kirche zu ihrer Zurückhaltung veranlasste. Letztlich rächte sich ihre Jahrhunderte lange Haltung gegenüber dem Judentum. … Auch die evangelische Kirche in Westfalen hatte sich bis 1933 nicht mit den Aktionen der Stoecker-Bewegung und der ´politischen Pastöre` in Minden-Ravensberg und in anderen Distrikten Westfalens auseinandergesetzt.“ (Prof. Arno Herzig, Judentum und Emanzipation in Westfalen, Münster 1973, Seite 144) Einzelnen Verantwortlichen der Landeskirche bereitet eine konsequente Auseinandersetzung mit Stoecker anscheinend immer noch Bauchschmerzen.

Seit Januar 2002 ist im Kreis Minden/Lübbecke eine öffentliche Diskussion über Adolf Stoecker in Gang gekommen. Stein des Anstoßes war die Namensgebung des Gemeindehauses von Hille/Eickhorst, das bis heute nach dem antisemitischen Agitator benannt ist. Kirchenvertreter (die damalige Superintendentin Schäfer, Pastor Dr. Winter, Minden und Pastor Hagemeier, Petershagen – vgl. MT. vom 15. Januar 2002) erklärten nach Lautwerden der Kritik in der Presse erst einmal die Hiller Gemeinde für zuständig, weil das dortige Presbyterium 1964 (übrigens mit Zustimmung des Landeskirchenamts in Bielefeld) den Beschluss gefasst habe.

Eine Stellungnahme der Kreissynode zum Fall Stoecker erfolgte nach mehrjährig anhaltender öffentlicher Kritik im Juni 2006. Die Synodalen bekannten mehrheitlich, dass Stoecker „kein Vorbild“ sei, und sein zeitgeschichtliches Fortwirken „das christlich begründete Widerstandspotential der evangelischen Kirche während der Nazizeit geschwächt habe“. Nur noch die Gemeindevertreter aus Hille wollen ausdrücklich weiter am Namen Stoecker-Haus festhalten und meinen: „Wir sehen die Namensgebung als Anlass zur Mahnung, sich immer wieder von jeglicher Form des Antisemitismus zu distanzieren“ Sie widersprechen sich dabei selbst, wenn sie gleichzeitig beteuern, dass „heute niemand in der Kirchengemeinde den Namen Stoecker für ein Gemeindehaus wählen würde.“

Siehe Stellungnahme der Kirchenkreis-Synode zu Adolf Stoecker (MT, 19.6.06) und Leserbrief-Replik (MT, 21.7.06). Zu den Artikeln im pdf-Format [324 kB]

Der Beschluss der Kreissynode ist nur als vorläufiger Erfolg anzusehen. Er lässt sich einerseits als Druckmittel gegenüber dem Aussitzertum in Hille nutzen. Gleichzeitig könnte er aber auch als Feigenblatt dienen, wenn man zukünftig, wie von relevanten Kirchenkreisen lange favorisiert, auf die Fortsetzung der öffentlichen Auseinandersetzung verzichtet. Der überfällige Umbenennungsbeschluss kann nach der Kirchenordnung formal nur von der Gemeinde in Hille selbst bzw. ihrem Presbyterium gefasst werden. Die derzeitig amtierenden Presbyter in Hille müssen noch lernen, sich zu bewegen, d.h. der Preis für fortgesetztes Schweigen muss für sie größer sein als „Ängste vor Gesichtsverlusten“.

Beschönigungsversuche aus Bielefeld

Die im Kirchenkreis Minden/Lübbecke praktizierten Verhaltensmuster wurden in Bielefeld, dem Sitz der Landeskirche, vorgelebt. Der 1964 verstorbene Bielefelder Pastor Karl Pawlowski (vor 1945 Anhänger der Bekennenden Kirche - BK) hatte 1937 der städtischen Christenheit mit folgender Begründung eine Adolf Stoecker Straße beschert: „In Adolf Stoeckers scharfen Kampf gegen das Judentum … hat er in der Tat schon vor 50 Jahren Grundsätze entwickelt, die erst heute nach dem Umbruch von 1933 verwirklicht werden konnten.“ (Neue Westfälische 111/1987)

Stoeckers damalige Rolle als Vorbild in der BK wird vom heutigen Leiter des Landeskirchlichen Archivs in Bielefeld, Professor Bernd Hey, in seinem Buch „Die Kirchenprovinz Westfalen 1933 – 1945“ (es handelt sich um seine 1974 in Bielefeld erschienene Dissertation, im Folgenden Dis) auf Seite 222 als taktischer Schachzug gegenüber den Nazis beschönigt. Stoecker „musste“ nach Hey, „von den Nazis geschätzt, ja häufig der kirchlichen Opposition zum Anwalt dienen.“

Die Adolf Stoecker Straße in Bielefeld ist 1987 vom Stadtparlament (von der rot-grünen Mehrheit) in Dr. Bernhard Mosberg Straße (Auschwitzopfer) umbenannt worden. Das für den Stadtteil zuständige Presbyterium war dagegen. Es meinte dazu: „Stoeckers Lebenswerk umfasse weit mehr als antisemitische Äußerungen“. (Neue Westfälische 111/1987) Diese Feststellung erinnert an eine andere Argumentation in Hey`s Dis. Auf Seite 24 konstatiert der Historiker für die NS-Zeit in Westfalen „das Fortleben des christlich-sozialen Gedankenguts“ und kommentiert das mit den Worten: „So verwundert es nicht, wenn führende Männer der westfälischen BK sich im Kirchenkampf immer wieder auf den auch von den Nationalsozialisten geschätzten Stoecker beriefen.“ Hey unterließ es in seinem Buch, das „soziale Engagement“ des Hofpredigers zu hinterfragen. Es war seit Stoeckers bekannter „Berliner Rede“ von 1879 in der Regel mit demagogischen Angriffen auf das Judentum verknüpft. Die „soziale Frage“ war für Stoecker eine „Judenfrage“, weil das Judentum die Schuld am massenhaften sozialen Elend trüge. Auf einem „Stoecker-Krug“, der als Exponat im Mindener Preußenmuseum zu besichtigen ist, wird die soziale Demagogie des Hofpredigers exemplarisch mit folgender Agitationsparole illustriert: „Das Handwerk darbt bei kargem Lohn, den Segen raffet sich der Cohn“. Stoecker scheute als führender Volkstribun der „Berliner Bewegung“ (reichsweite antisemitische Bewegung in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts) nicht vor einer Zusammenarbeit mit notorischen Krawall-Antisemiten zurück, die schon damals gewalttätige Übergriffe/Pogrome initiierten. In Hey`s Dis erfährt der Leser über diese Sachverhalte nichts. Sie verschwinden hinter dem abstrakten Begriff vom „christlich -sozialen und antisemitischen Konservativismus Stoeckers“. Hey erwähnt zusätzlich „latenten Antisemitismus in der Pfarrerschaft“, um Bezugnahmen auf Stoecker zu erklären . (Ebd. Seite 25) Er lässt jedoch auch in diesem Zusammenhang konkrete Verhaltensweisen im Dunkeln.

„Wer Wind sät, wird Sturm ernten“, Karikatur aus der Tageszeitung „Reform“ von 1881, nachgedruckt im „Tagesspiegel“ vom 28. Mai 2002

Die oben zitierte Begründung von Pawlowski für eine Stoecker-Straße in Bielefeld zeigt, dass es sich nicht bloß um „latenten Antisemitismus in der Pfarrerschaft“ handelte, sondern Stoeckers Ideen, wie das Judentum auszugrenzen sei, in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in der BK voll mitgetragen und propagiert wurden. Eine Untersuchung des Antisemitismus in der Kirchenpresse im „Dritten Reich“ sucht man in Hey`s Arbeit  vergeblich. Stoecker wollte die „Juden mit dem Alten Testament bekämpfen“ und Autoren aus der BK einschließlich der „Vorläufigen Leitung“ haben sich als sehr gelehrige Schüler erwiesen. Hanna Paulsens These, das „Alte Testament ist das antisemitischste Buch der Welt“ („Mindener Sonntagsblatt“, 22-1934) beschreibt nur die Spitze eines Eisbergs beim Andienen gegenüber der Naziideologie. Auch an politisch-praktischem Schreibtischtätertum herrschte in der Kirchenpresse ab 1933 kein Mangel. In Minden rechtfertigte der Schriftleiter vom „Mindener Sonntagsblatt“, Viktor Pleß, z.B. gewalttätige antisemitische Aktionen beim Aprilboykott 1933 als „Abwehrmaßnahme gegen jüdische Gräuel und Boykotthetze“ („Mindener Sonntagsblatt“, 14/15-1933) In Nr. 41-1933 wird um Verständnis geworben, dass ein Staat, der „Schädigungen des eigenen Volkes durch Fremdartige sieht, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln sich gegen das Böse wehrt.“ In Nr. 24-1934 heißt es begleitend zu neuen Boykottaktivitäten in der Weserstadt: „Bei uns setzen sich die Arier von den Nicht-Ariern ab und versuchen es, den ungewöhnlich starken Einfluss der fremdstämmigen Bürger des Reiches auf das wirtschaftliche und geistige Leben unseres Volkes auf ein erträgliches Maß zurückzuschrauben.“
(Zu weiteren Lobeshymnen auf Stoecker, Adolf Hitler und die Nazis vom Frontmann der BK in Minden siehe Unterseite
Viktor Pleß)

Statt einer konkreten Untersuchung der Haltung der BK zur Judenverfolgung zwischen 1933 bis 1945 begnügt sich Hey in seiner Dis mit einer Anleihe bei der „Betheler Schulderklärung“ von 1946: „Wir haben dann gegen die Ausrottung der Juden und anderer Verfolgter nicht laut genug unsere Stimme erhoben“. (Dis Seite 346) Die Bewertung, dass die Stimme „nicht laut genug“ erhoben wurde, verschweigt die kirchliche Beteiligung an der Judenausgrenzung bis 1938 und beschönigt die vorherrschende Passivität gegenüber den Vorkommnissen in der Reichspogromnacht, der „Arisierung“ und den Deportationen. Als Begründung, warum die Stimme der Kirche „nicht laut genug“ erhoben wurde, erfährt der Leser bei Hey nur, dass damals „ängstlich einer ernsthaften Konfrontation mit dem Problem der Judenverfolgung ausgewichen wurde.“ (Ebd. Seite 348) Hey spricht einseitig von mangelnder Zivilcourage, wo es vor allem auf eine Reflexion von Schnittmengen mit der Naziideologie als Impetus für eigenes Handeln angekommen wäre. Dieses Wegsehen dient im Hinblick auf Stoecker dazu, seine vor allem von der Kirche tradierte Bewertung „Gutes getan, aber auch schuldig geworden“ fortzuschreiben. Das Landeskirchenamt/Landeskirchliche Archiv hat es bisher folgerichtig vorgezogen, zur Kritik an der Namensgebung öffentlich keine Stellung zu nehmen. Zum verharmlosenden Text über Stoeckers Wirken auf der am Gemeindehaus nachträglich angebrachten Erinnerungstafel schweigt man sich in Bielefeld öffentlich ebenso aus.

Am Gemeindehaus in Hille/Eickhorst ist seit Februar 2003 zu lesen:

„In Verbundenheit mit der Berliner Stadtmission hat das Presbyterium der Ev. lutherischen Kirchengemeinde Hille dieses Gemeindehaus 1964 nach dem Begründer Adolf Stoecker (1835 – 1909) benannt, der die geistlichen und sozialen Nöte seiner Zeit erkannte und bekämpfte. Gleichzeitig ist mit dem Namen Adolf Stoecker jedoch Antisemitismus verbunden, dem es auch heute noch entschieden entgegen zu treten gilt. Die Kirchengemeinde Hille hält an ihrem Auftrag fest, der in Übereinstimmung steht mit dem Leitmotiv der Berliner Stadtmission: ´Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn` (Jeremia 29, Vers 7)”

Öffentliche Kritik fortsetzen

Professor Arno Herzig meint in seinem Aufsatz „Sozialpolitiker oder antisemitischer Agitator“ über angeblich mal gute und mal böse Taten des Hofpredigers: „Stoeckers Antisemitismus ist eben nicht nur ein dunkler Schatten, der das Licht seines sozialen Engagements zwar beeinträchtigt, aber nicht verdunkelt, sondern er ist ein wesentlicher Bestandteil seiner Ideologie. Beides ist in einer historischen Würdigung – und die geschieht ja auch durch Namensgebungen – nicht voneinander zu trennen.“ (siehe MT. v. 23. Januar und 2. Februar 2004) Der Aufsatz ist als Nachdruck des Vortrags, den Herzig in Hille im April 2003 gehalten hat, erschienen. Die darin indirekt geäußerte Kritik am Text der Erinnerungstafel trug dazu bei, tradierte, zweifelhafte Ansichten über den Hofprediger infrage zu stellen. Infos und Presseartikel mit konkreten Beispielen für Stoeckers soziale Demagogie und seine Zusammenarbeit mit Krawall- und rassistischen Antisemiten (wie vom lokalen „Arbeitskreis Antisemitismus“ vor seiner inzwischen zweijährigen Sendepause (Selbstauflösung?) erfolgreich praktiziert), dürften für weitere Aufklärung im Fall Stoecker im Kirchenkreis besonders hilfreich sein.

Aktion des „Arbeitskreis Antisemitismus am Martinihaus in Minden anlässlich einer Podiumsdiskussion zur „Barmer Erklärung“, MT vom 4. Juni 2004, Foto: Ralf Kapries.

Im Januar 2007 dauert der Streit über Stoecker vor Ort nunmehr fünf Jahre an. Die bisherigen Ergebnisse (Erinnerungstafel, Beschluss der Kreissynode) sind widersprüchlich und unzureichend. Erfahrungen anderswo zeigen, dass ein politisch umstrittenes Traditionsverständnis bei Namensgebungen zu jahrzehntelangen Auseinandersetzungen  führen kann. Eine Umbenennung der Adolf Stoecker Str. in Bielefeld wurde zum Beispiel erstmals 1947 gefordert („Neue Westfälische“, 111/1987). Die Waffe öffentlicher Kritik ist auf Dauer aber unverdaulich.
Kossack, November 2006

 

Adolf Stoecker Haus ist umbenannt, siehe "Mindener Tageblatt" vom 31. August 2007, Seite 13, "Neuer Name für Gemeindehaus" / Link PDF-Datei [135 kB]

 

Umbenennung vom Stoecker-Haus Etappenerfolg für Kritiker

Am 31. August berichtete das „Mindener Tageblatt“ (MT), dass das „Adolf - Stoecker - Gemeindehaus“ in Hille/Eickhorst (Nachbargemeinde von Minden) in „Evangelisches Gemeindehaus“ umbenannt worden ist. Das ist zu begrüßen, zumal kirchliche Einrichtungen und Straßen noch vielerorts den Namen Adolf Stoecker tragen.
Der vormalige kaiserliche Hofprediger Stoecker war in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts der bekannteste antijüdische Propagandist in der „Berliner Bewegung“ und parteipolitischer Begründer (Christlich Soziale Partei) des Antisemitismus in Deutschland. Stoecker gehörte viele Jahre dem preußischen Landtag (als Abgeordneter für Minden/Ravensberg) und dem Reichstag (für das Siegerland) an. Seine Hetzreden gegen die Juden waren 1890 sogar dem Kaiser zuviel. Stoecker wurde von Wilhelm II zum Rücktritt vom Hofpredigeramt in Berlin genötigt. In Minden hat ein pensionierter Geschichtslehrer im Namen des „Arbeitskreis Antisemitismus“ (AKA) für die Umbenennung „insbesondere den Mitgliedern der Leitungsorgane des Kirchenkreises Minden“ öffentlich seinen Dank ausgesprochen. (MT 31.8.07) Die folgende Chronologie der mit der Kirche geführten Auseinandersetzungen, die nun fast sechs Jahre andauern und weitergehen werden, soll die Dinge zurechtrücken helfen.

Chronologie der Ereignisse

Die Kritik an der Namensgebung für das Hiller Gemeindehaus, die 1964 mit Zustimmung des Landeskirchenamtes in Bielefeld erfolgt war, setzte im Januar 2002 mit einem Bericht in der Lokalpresse ein. (MT vom 26.1.02) Die Kirchenvertreter in Hille versuchten, sie zunächst totzuschweigen. Kirchenverantwortliche im Kreis Minden, namentlich die damalige Superintendentin Schäfer, Pastor Dr. Winter von der „Christlich-jüdischen Gesellschaft“ und Pastor Hagemeier von der „Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen“ präsentierten dazu die Ausrede, für die Namensgebung sei allein das Presbyterium in Hille verantwortlich.(MT vom 27.1.02) Die Kritik ging weiter und im Dezember 2002 konstituierte sich der AKA. Seine Mitglieder kündigten an, neben dem Fall Stoecker auch ein Beispiel für das zeitgeschichtliche Fortwirken von Adolf Stoeckers Antisemitismus in Minden aufgreifen zu wollen. (MT vom 5.12.02).

Das Hiller Presbyterium reagierte im Februar 2003 auf die anhaltende Kritik mit der Anbringung einer „Erinnerungstafel“ am Gemeindehaus. Darauf ist die unhaltbare Behauptung zu lesen, dass „Stoecker die geistlichen und sozialen Nöte seiner Zeit erkannt (e) und bekämpft(e)“. Zusätzlich findet sich die Floskel: „Gleichzeitig ist mit dem Namen Adolf Stoecker jedoch Antisemitismus verbunden, dem es auch heute noch entschieden entgegen zu treten gilt.“ (MT vom 5.2.03) Die mit dem Tafeltext suggerierte Dichotomie zwischen Gut und Böse bei Stoecker sollte in Verbindung mit dem Bibelzitat - „Der werfe den ersten Stein, der frei von Schuld ist“ - zur Rechtfertigung für die Beibehaltung des Namens „Adolf-Stoecker-Gemeindehaus“ herhalten. Aus Minden und Bielefeld wurde kirchlicherseits Unterstützung signalisiert: Stoecker sei doch auch sozial gewesen und Umbenennungen seien schließlich „nicht das Gelbe vom Ei“.

Stoeckers „soziales Engagement“ obsolet

Letztere Weisheit wurde vom ehemaligen Leiter des Landeskirchlichen Archivs in Bielefeld , Professor Bernd Hey, zum Besten gegeben. Einzelne Thesen aus seiner Dissertation (Bernd Hey, Die Kirchenprovinz Westfalen, 1933 – 1945, Bielefeld 1974) erinnern unmittelbar an den Tafeltext am Hiller Gemeindehaus: Auch Hey bescheinigt Stoecker einerseits „christlich-soziales Gedankengut“ und andererseits „antisemitischen Konservativismus“. Der Kirchenprofessor unterlässt es dabei tunlichst, Stoeckers „soziales Engagement“ näher zu hinterfragen. Es war seit der bekannten „Berliner Rede“ des Hofpredigers anno 1879 in der Regel mit demagogischen Angriffen auf das Judentum verknüpft. Die „soziale Frage“ war für Stoecker eine „Judenfrage“, weil das Judentum in seiner Sicht die Schuld am massenhaften sozialen Elend in Deutschland trug. Auf einem alten „Stoecker-Krug“, der als Exponat im Mindener Preußenmuseum zu besichtigen ist, wird Stoeckers judenfeindliche Demagogie exemplarisch mit folgender Agitationsparole illustriert: „Das Handwerk darbt bei kargem Lohn, den Segen raffet sich der Cohn“.
Eine vom AKA in Hille organisierte Vortragsveranstaltung mit Professor Herzig im April 2003 sowie pressewirksam vom AKA durchgeführte Flugblattaktionen (Siehe MT vom 9. April und 4. Juni 2004) haben dafür gesorgt, dass das in Kirchenkreisen populäre Argument, Stoecker sei sozial gewesen, in der Öffentlichkeit obsolet wurde. Über Stoeckers zeitgeschichtliches Fortwirken herrschte im AKA jedoch nur ein abstrakter Konsens, der schnell zerbrach, wenn es um konkrete Beispiele in der Bekennenden Kirche vor Ort (Nazihelfer Pleß, Nazigegner Graff) ging.

Diskussion unerwünscht

Die Kreissynode rief im Februar 2004 einen eigenen „Arbeitskreis Kirchengeschichte“ ins Leben. Ein Pfarrer in der Entsendung, der Kirchenhistoriker Dr. Müller, bekam den Forschungsauftrag, die Geschichte des Kirchenkreises im „Dritten Reich“ zu untersuchen. (MT vom 20.2.04). Dabei wurde von kirchlicher Seite seither immer wieder deutlich gemacht: Ergebnisoffene Pro- und Contra-Diskussionen, die sich angeboten hätten, da auch der AKA am Thema dran war und vom Verfasser bereits seit Sommer 2003 eine erste Untersuchung zu den „Mindener evangelischen Kirchengemeinden 1933 – 1945“ (ISBN 3-8330-1009-6) vorlag, waren unerwünscht. Die Kirche organisierte lieber Heimspiele, d.h. eigene Veranstaltungen, auf denen Kritiker klein gehalten wurden oder sie mied die Öffentlichkeit ganz. Der AKA nahm mehrheitlich keinen Anstoß an diesem Vorgehen und gab sich, zunehmend erkennbar, mit der Kritik an Stoecker zufrieden. Diese Hypothek wirkte sich besonders negativ hinsichtlich eigener Stellungnahmen in der Lokalpresse aus. Nachdem im Herbst 2004 die Widersprüche im AKA zum Vorschein kamen, gab es keine eigenen, öffentlichen Stellungnahmen mehr (mit Ausnahme der oben zitierten Danksagung des pensionierten Geschichtslehrers). Trotzdem ging die öffentliche Kritik weiter, getragen von wenigen Einzelpersonen. (siehe MT vom 10.12.05 und vom 19.6.06)

Diskrepanz zwischen Worten und Taten

In einem Beschluss der Kreissynode vom Juni 2006 wurde Stoeckers tradierte Rolle als innerkirchliches Vorbild mehrheitlich zurückgewiesen. Allgemein liest man im Beschluss sogar, dass die Kirche durch Stoeckers „Wirkungsgeschichte in die Vernichtung des europäischen Judentums verflochten“ gewesen sei. Unerwähnt bleibt aber die konkrete Verwicklung vor Ort. Für den Nazihelfer Pleß und den Nazigegner Graff gilt weiterhin das Prinzip der „Drei Affen“. Auch der mit der Untersuchung der Mindener Kirchengeschichte in der NS-Zeit beauftragte Pfarrer Dr. Müller, klammerte in einem öffentlichen Vortrag mit dem Schwerpunktthema Pleß die antisemitische Aktivitäten dieses Pfarrers konsequent aus, Graff wurde von ihm mit Stillschweigen bedacht. (MT vom 22.11.05). Müllers Studie über das „Mindener Sonntagsblatt“ (hiesige bis 1938 erschienene kirchliche Wochenzeitung) verschweigt die in der Zeitung nachzulesende Unterstützung für die ersten Nazi-Boykotte in Minden und die vom Sonntagsblatt gerühmte Zusammenarbeit der Kirche mit den Behörden bei den so genannten Ariernachweisen. Müller wandelt in den Fußstapfen von Professor Hey. Der hat es fertig gebracht über die Geschichte der „Kirchenprovinz Westfalen 1933 – 1945“ seine Doktorarbeit zu schreiben, ohne sich konkret mit der regionalen Kirchenpresse und ihrer Haltung zum Judentum auseinander zu setzen.

Solange das Wegschauen der Kirche im Konkreten andauert, sind alle Danksagungen an die Organe der hiesigen Kirchenleitung Ausdruck einer Schlussstrichmentalität. Wer gegen Antisemitismus zu Felde ziehen will, darf sich nicht mit seinen Erscheinungsformen im 19. Jahrhundert zufrieden geben.
Kossack, Minden, September 2007

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Die evangelische Kirche sieht sich vor Ort seit 2001 öffentlich mit ihrer antisemitischen Vergangenheit konfrontiert. Sobald es um die Aufarbeitung der eigenen Geschichte im 20. Jahrhundert geht, reagieren die Verantwortlichen im Kirchenkreis immer noch nach der Devise „nur nicht ins Detail gehen“, Davon zeugt folgendes Verhalten:

Siehe Unterseite Viktor Pleß
Der 1935 verstorbene, ehemalige Pfarrer an der Martinikirche, Viktor Pleß, ist seit 1987 Namensgeber für einen kirchlichen Kindergarten in Minden. Er half Juden auszugrenzen und duldete schon 1931 die Hakenkreuzfahne in seiner Kirche.

Siehe Unterseite Hans Graff
Über die Zivilcourage von Dr. jur. Hans Graff, von 1944 bis zu seinem Tod 1954 Pfarrer in der Weserstadt, verliert seine Kirche kein Wort. Graff verhinderte 1933 das Aufziehen einer Hakenkreuzfahne und ergriff zwischen 1933 bis 1945 mehrfach öffentlich für Juden Partei.

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