Arbeitskreis Antisemitismus

Auf dieser Seite finden Sie nähere Informationen zu den Themen und Aktivitäten des Arbeitskreis Antisemitismus.

 

Der Arbeitskreis „Antisemitismus“ hat sein Ziel erreicht

Am 23. Mai 2007 beschloss das Presbyterium der Kirchengemeinde Hille, sich vom Namensträger des Eickhorster Gemeindehauses zu trennen. Das Haus heißt künftig „Evangelisches Gemeindehaus Eickhorst“.
Damit hat der viereinhalbjährige Kampf des Arbeitskreises gegen die Benennung nach einem der schlimmsten und wirkungsvollsten Antisemiten in der deutschen Geschichte zum Erfolg geführt. Der Arbeitskreis dankt allen, die ihn in seinem Kampf unterstützt haben, insbesondere den Mitgliedern der Leitungsorgane des evangelischen Kirchen- kreises Minden.

 

 Berichterstattung im "Mindener Tageblatt" vom 31.8. 2007, Seite 13

Neuer Name für Gemeindehaus
Kirchengemeinde Hille reagiert auf Kritik
von Gisela Burmester

Hille-Eickhorst (mt). Die Kirchengemeinde Hille hat ihren gemeindlichen Treffpunkt in Eickhorst umbenannt. Das Adolf Stoecker-Haus heißt nun Evangelisches Gemeindehaus.
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DIE AKTIVITÄTEN IM RÜCKBLICK

Stellungnahme

des Arbeitskreis Antisemitismus zur Bentz-Würdigung im „Weserspucker“
vom 18. Oktober 2004

Betr. Anmerkungen des Arbeitskreis-Antisemitismus zum Artikel „Ein halbes Jahrhundert Firma Melitta geprägt - Chef Horst Bentz vor 100 Jahren geboren“ im „Weserspucker“ am 28.10.2004

Über Horst Bentz` Nazi-Vergangenheit hieß es in dem Artikel: „Wie viele Menschen in dieser Zeit steht auch Horst Bentz den damaligen Machthabern wohlwollend gegenüber.“

Mit dieser Aussage wird Bentz als Mitläufer der Nazis dargestellt. Fakt ist, dass der Melitta-Chef am 15. 2. 1933 der SS beigetreten ist, am 1. 5. 1933 erfolgte sein Eintritt in die NSDAP und er war nach eigenen Angaben sogar für Himmlers berüchtigten Sicherheitsdienst (SD) tätig. Bentz hat mit seiner Werkzeitung im Mai 1938 zum Boykott jüdischer Geschäfte in Minden aufgefordert und bei Nichtbefolgung mit „fristloser Kündigung“ gedroht. Nach dem Pogrom konnte man in der Dezember-Ausgabe lesen: „In der Judenfrage hat das Herz zu schweigen!“ Das sollte auch für Kinder gelten, denn: „Jeder Judenlümmel wird einmal ein ausgewachsener Jude.“ Wer das nicht beherzige, so die Werkzeitung, „würde das gesamte Geschmeiß in kürzester Zeit wieder auf dem Halse haben“. Wir erkennen in diesen Hasstiraden kein Mitläufertum, sondern Naziaktivismus.

Im „Weserspucker“ war weiter zu lesen: „Unbestritten ist seine Großzügigkeit (gemeint ist Bentz) gegenüber der eigenen Belegschaft.“

In einem Info, das die Arbeitnehmervertretung am 15. Mai dieses Jahres unter der Überschrift „Es ist nicht alles Gold was glänzt bei Melitta“ zur Firmengeschichte herausgab, heißt es im Gegensatz dazu: „Bis 1969 Alleinherrschaft, große Ängste in der Belegschaft, Kritik führt zu Kündigungen, Leistungen unter den üblichen Tarifen, höhere Wochenarbeitszeiten, Pflichtsamstage, 12 Stunden Nachtschichten für minderjährige Mädchen, Pflichtspenden für das Melittabad, Frauen erhielten bei gleicher Arbeit weniger Lohn, Gewerkschaftszugehörigkeit wird mit Kündigungen bestraft usw. usw.“.

Richtig ist, dass es bei Melitta unter Horst Bentz auch Sozialleistungen (z.B. Gewinnbeteiligung) gab, die sich sehen lassen konnten. Es handelte sich dabei aber in der Regel um so genannte „freiwillige Leistungen“, die vom Wohlwollen der Firma abhingen und jederzeit gestrichen werden konnten. Über die Gewinnbeteiligung bei Melitta berichtete GünterWallraff in „Neue Reportagen, Untersuchungen und Lehrbeispiele“, Anfang der 70er Jahre, dass bei Erkrankung die Ertragsbeteiligung entfiel, die im Monat bis zu 150 DM betragen konnte. 

Bentz` Haltung zur Gewerkschaft und Arbeitnehmerrechten wurde im „Weserspucker“ als „kritisch“ bezeichnet. Der ehemalige Melitta-Chef wird dazu mit den Worten zitiert: „Unternehmer und Arbeitnehmer sind eine natürliche Einheit. … Das geringste Gegeneinander ist Gift für den Erfolg und die Arbeitslust.“

Das Zitat von Bentz erinnert an die Volksgemeinschaftsideologie, wonach Gewerkschaften und alle kollektiven Rechte für Arbeitnehmer im Betrieb als „Gift“ denunziert wurden und  abgeschafft waren. Melittas Arbeitnehmervertreter haben in ihrem Flugblatt nicht grundlos betont: „Nach der Übergabe des Betriebes von Horst Bentz an die Söhne ab 1981 werden … die demokratischen Grundrechte der abhängig Beschäftigten akzeptiert“. Es ist unseres Erachtens an der Zeit, dass alle Mindener Medien diesen Einschnitt in der Firmengeschichte zur Kenntnis nehmen, und der Leser in Zukunft auch erfährt, was Arbeitnehmervertreter denken.

Mit freundlichem Gruß
Arbeitskreis Antisemitismus
Minden den 30.11.04

Diese Stellungnahme ist am 9. Dezember 2004 im “Weserspucker” erschienen.

 

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9. November 2004

Aktion des Arbeitskreis Antisemitismus anlässlich des Jahrestages der Progromnacht:

Übergabe der alten Melitta-Werkzeitungen (Teilbestand vom Dezember 1936 - Mai 1938) durch Mitglieder des Arbeitskreis Antisemitismus an den Leiter des Mindener Museums.

 

Zur Berichterstattung im Mindener Tageblatt

"Historische Wahrheit" fürs Museum

Arbeitskreis Antisemitismus übergibt Werkzeitungen aus der NS-Zeit / Hetze gegen Juden

Von Stefan Koch

An Martin Beutelpacher (l.) über gab der Arbeitskreis die Melitta-Werkszeitung. Von links: Bertold Fahrendorf-Heeren, Karl-Heinz Sekatsch-Winkelmann und Hans Langescheid.
MT-Foto: Koch

Minden (mt). Jahrzehnte vom Staub bedeckt – nun im Mindener Museum. Mitglieder des Arbeitskreises Antisemitismus übergaben gestern eine Sammlung von Melitta- Werkszeitungen aus der NS-Zeit. ... Zwei Artikel hetzen gegen Juden.
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Da solche Texte auch für den Arbeitskreis Antisemitismus von Interesse sind, entschloss sich die Gruppe zur Übergabe ans Museum. Karl-Heinz Sekatsch-Winkelmann: "Unser Ziel ist es nicht, einen für Minden wichtigen Betrieb zu denunzieren, sondern die historische Wahrheit zu finden."

Ein Vorhaben, dass auch Melitta selbst gut heißt. Öffentlichkeitsreferentin Dr. Annette Kahre: "Wir begrüßen, dass die Blätter einer öffentlichen Einrichtung zur Verfügung gestellt werden." Das Unternehmen werde aus Anlass seines Jubiläums im kommenden Jahr einen Historiker befristet die eigene Firmengeschichte untersuchen lassen.
...

 

Die beiden antisemitischen Hetzartikel in der Melitta-Werkzeitung finden Sie in Abschrift dokumentiert unter Melittawerke.

 

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Arbeitskreis Antisemitismus über Adolf Stoecker

Das Foto zeigt das „Adolf Stoecker Haus“ in Eickhorst mitsamt Namenspatron
Montage: www.zg-minden.de

 

Nachfolgend das Info, das der Arbeitskreis Antisemitismus am 9. April 2004 vor dem Eickhorster Gemeindehaus und der Hiller Kirche verteilt hat.

Adolf Stoecker: „Unser Mann gegen das volkaussaugende Judentum“

(Zitat aus Flugblatt der Christlich sozialen Partei im Reichstagswahlkampf 1898)

Der Arbeitskreis Antisemitismus kritisiert seit seiner Gründung im Dezember 2002 die Namensgebung für das Eickhorster Gemeindehaus: Dazu wurde im März 2003 Professor Arno Herzig zum Vortrag nach Hille eingeladen, dem zuständigen Presbyterium im Herbst 2003 ein direkter Gedankenaustausch angeboten und zuletzt im März 2004 der Vorschlag unterbreitet, beim „Mindener Tageblatt“ über den inzwischen veröffentlichten Vortrag von Herzig (siehe MT vom 23. Januar und 2. Februar 2004) ein gemeinsames Gespräch zu führen. Das ist bisher nicht zustande gekommen, weil sich die Kirchenvertreter verweigern . Die öffentlich vorgetragene Kritik, dass der Text der im Februar 2003 am Gemeindehaus montierten Erinnerungstafel Stoeckers Antisemitismus verharmlost, wird vom Presbyterium ausgesessen. Daher hat sich der Arbeitskreis entschlossen, die öffentliche Information über Stoeckers Wirken in eigener Regie fortzusetzen; im ersten Schritt durch Abdruck folgender Zitate aus Stoeckers beiden Hetzreden gegen „Das moderne Judentum in Deutschland, besonders in Berlin“, die 1880 in der vierten Auflage in Berlin erschienen sind. (Über die Mindener Fernleihe beziehbar).

„Soziale Frage eine Judenfrage“

Für Stoecker war die „soziale Frage eine Judenfrage“ (Seite 5) Dies wird vom Presbyterium in Hille verschwiegen. Stoecker schürte Neid und Hass, indem er die Juden als arbeitsscheu und geldgierig beschreibt.

Stoecker dazu wörtlich: „Früher hieß es, die Emanzipation werde die Juden mehr in die andern Erwerbszweige treiben. Nun sind sie emanzipiert; es ist das Gegenteil eingetreten. Noch mehr als früher cultivieren sie die Erwerbszweige, in denen leicht und viel verdient wird. ... An der Arbeit der Handwerker sind sie fast gar nicht, an der Fabrikation wenig beteiligt. Daraus folgt, dass sie an der Arbeit keine Freude, für die deutsche Arbeitsehre keine Sympathie haben. Die Devise ’billig und schlecht’ kommt zum gut Theil auf ihre Rechnung. Sie sind überall da, wo es Not und Speculationslust zu benutzen gilt. ... Wenn die große soziale Frage die Frage ist nach dem rechten Verhältnis zwischen Arbeits- und Capitalertrag, dann ist eine Thätigkeit, welche die Arbeit im Interesse des Capitals maßlos und systematisch ausbeutet, das schlimmste Element dieser Frage. ... Für mich gipfelt die Judenfrage in der Frage, ob die Juden, welche unter uns leben, lernen werden, sich an der gesammten deutschen Arbeit, auch an der harten sauren Arbeit des Handwerks, der Fabrik, des Landbaus zu betheiligen.“ (Seite 15)

Stoeckers Lösungsvorschlag der „Judenfrage“ wurde ab 1940 in Deutschland durch die Einführung von Zwangarbeit verwirklicht.

 

Das Hiller Presbyterium sieht in Adolf Stoecker einen “begnadeten Sünder”.
Montage: www.zg-minden.de

 

Stoecker wörtlich:
”Die sozialen Übelstände, welche das Judentum mit sich bringt, müssen auf dem Wege einer weisen Gesetzgebung geheilt werden. Es wird nicht leicht sein, dem jüdischen Capital den nötigen Zaum anzulegen. ... Wiedereinführung der confessionellen Statistik, damit das Missverhältnis zwischen dem jüdischen Vermögen und christlicher Arbeit festgestellt werden kann.” (Seite 19f.)

Ab 1936 wurde eine solche Statistik in Deutschland unter dem Namen „Judenkartei“ eingeführt. Die Erfassung des jüdischen Vermögens war Voraussetzung für die später erfolgte Arisierung.

Stoecker wörtlich:
Entfernung der jüdischen Lehrer aus unseren Volksschulen(Seite 20)

Diese Forderung fand sich auch in der „Berliner Petition“ wieder, die 1881, unterstützt von ca. 250000 Unterzeichnern, bei der Reichsregierung eingereicht worden ist. Stoecker hatte das Begehren ebenfalls unterzeichnet und in seinen Volksversammlungen aktiv beworben. Außer der Entfernung jüdischer Lehrer aus Volksschulen wurde in der Petition verlangt: Verbot weiterer jüdischer Einwanderung, den Ausschluss der Juden von allen obrigkeitlichen Ämtern, ihre Beschränkung im Justizdienst, im höheren Schulwesen sowie die oben erwähnte Wiedereinführung der konfessionellen Statistik. 1933 wurden diese Forderungen im Arierparagraph nahezu im Verhältnis 1:1 in die deutsche Gesetzgebung übernommen.

Der vom Presbyterium im Juni 2002 eingeladene Berliner Stadtmissionar Filker verharmloste Stoeckers Haltung in seinem Vortrag mit der Charakterisierung „begnadeter Sünder“. „Erwähnenswert sei auch, sagte Pfarrer Filker, Stoeckers soziales Engagement für die Arbeiter gewesen. ... Er habe viel Gutes getan, aber auch Schuld auf sich geladen ... Die Namenswahl für das Gemeindehaus bedeutet, dass es in der Berliner Stadtmission nicht die edleren Menschen gab, sondern dass hier begnadete Sünder tätig waren.” (vgl. MT. vom 29 6 2002)

Professor Herzig erklärte in seinem im März 2003 in der Hiller Gesamtschule gehaltenen Vortrag: „ Stoeckers Antisemitismus ist eben nicht ein dunkler Schatten, der das Licht seines sozialen Engagements zwar beeinträchtigt, aber nicht verdunkelt, sondern ein wesentlicher Bestandteil seiner Ideologie. Beides ist in einer historischen Würdigung – und die geschieht ja auch durch Namensgebungen – nicht voneinander zu trennen“.

 Presserechtlich verantwortlich: Karl Heinz Sekatsch-Winkelmann, Telefon: 05734/7862

 

Flugblattaktion des Arbeitskreises Antisemitismus am 9. April 2004

Foto: Mindener Tageblatt / Stefanie Bollmeier
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Verteilaktion vor dem Adolf Stoecker Haus (links) / vor der Hiller Kirche (rechts)
Fotos: privat

 

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Der Antisemitenkrug 1910

 

Foto rechts: Abbildung Antisemitenkrug 1910

Das obere Portrait am Henkel stellt Adolf Stoecker dar.
Bildnachweis:
Preußen-Museum NRW Minden

 

Bildinschriften vom Antisemitenkrug 1910

Das Handwerk darbt bei kargem Lohn,
den Segen raffet sich der Cohn

Kauft nicht bei Juden

Dieser Pflug wär nicht so schwer,
wenn Aron, Jonas, Hirsch nicht wär
 

Der Michel liegt im Schlaf versunken,
von Judenzeitungsfusel trunken,
sie plündern ihm die Taschen aus,
sie pressen ihm den Schweiß heraus.

 

 

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Stellungnahme des Arbeitskreises Antisemitismus zur Klinikumsbenennung

Namensvorschlag für neues Mindener Klinikum:
Abraham Jacobi

Abraham Jacobi – einer der bedeutendsten Ärzte des 19. Jahrhunderts – nahm seinen Anfang in Minden.

Der Arbeitskreis Antisemitismus in Minden schließt sich dem Vorschlag des SPD -Ortsvereins Todtenhausen an, das neue Klinikum in Häverstädt nach Abraham Jacobi zu benennen. Jacobi, 1830 in Hille-Hartum geboren, war jüdischer Herkunft. In seiner späteren Wahlheimat USA wurde er als Begründer der Kinderheilkunde berühmt.

Der im Mindener Raum durch seine wissenschaftlichen Arbeiten bekannte Professor Arno Herzig, Hamburg, verfasste Abraham Jacobis Biografie. Der Mindener HNO-Arzt Werner Unshelm promovierte über Jacobi, der heute weltweit als einer der bedeutendsten Ärzte des 19. Jahrhunderts gilt und in Minden seinen Anfang nahm.

Professor Tillmann vom Mindener Klinikum erklärte in einem Vortrag 1997 in Hille: Der Arzt Jacobi ist „in medizinischer Hinsicht revolutionär gewesen“. Als einer der ersten ersetzte er den Luftröhrenschnitt bei Kindern durch Intubation, als erster röntgte er Kinder, als erster setzte er die Idee des „bedside teaching“, des Lehrens direkt am Krankenbett, in die Praxis um. Jacobi hat zahlreiche Arbeiten zum Thema „Kinderheilkunde“ verfasst, seine Schriften wurden in Deutschland ab 1933 nicht mehr gedruckt, und er hat stets gegen „ohne ärztliche Aufsicht geführte Findelhäuser und Säuglingsbewahranstalten“ gekämpft, in denen die Sterberate immer besonders hoch gewesen ist (MT vom 11.10.1997).

Jacobi emigrierte 1853 in die USA, weil er in Deutschland als engagierter 48er Demokrat verfolgt wurde. Unmittelbar vor seiner Auswanderung musste er im ehemaligen Mindener Kreisgefängnis am Königswall eine Gefängnisstrafe wegen so genannter Majestätsbeleidigung absitzen. Vorher war er beim „Kölner Kommunistenprozess“ nach eineinhalb jähriger Untersuchungshaft freigesprochen worden.

In den Vereinigten Staaten entwickelte sich Jacobi zu einem sozial engagierten und liberalen Arzt, der sich zusammen mit seiner amerikanischen Frau für die Freiheit der Sklaven einsetzte und für die Sicherung der Armen von New York kämpfte. Als Vater der Kinderheilkunde schlug er einen Ruf an die Berliner Charité, der heutigen Humboldt Universität, aus, weil ihm als überzeugten Demokraten der Bismarck-Staat nicht demokratisch genug war. Er lehrte an der Columbia Universität in New York und zählte den wohl berühmtesten Deutsch-Amerikaner Carl Schurz, ebenfalls 48er, zu seinen Freunden, dessen Totenrede er hielt.

Der weltberühmte Arzt und revolutionäre Demokrat Abraham Jacobi starb 1919 in New York. Er, der in jeder Hinsicht ein Vorbild war, als Arzt und Demokrat, hat es verdient, in seiner Heimat angemessen geehrt zu werden, wie das in seiner späteren Wahlheimat lange der Fall ist. Die Benennung des neuen Klinikums nach Abraham Jacobi wird nach Ansicht des Arbeitskreises Antisemitismus überregionale Beachtung finden.

 

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Flugblattaktion des AK Antisemitismus am 2. Juni 2004

Foto: Mindener Tageblatt / Ralf Kapries

„Prophet des Dritten Reiches“
Was denkt heute die Kirche über Stoecker?

Das „Mindener Sonntagsblatt“ (MS), bis zum Verbot 1938 die „Kirchenzeitung für Minden und das Wesergebiet“ mit einer Auflage von 5000 Exemplaren, beschäftigte sich aus Anlass des 100. Geburtstages von Adolf Stoecker im Dezember 1935, ca. eineinhalb Jahre nach der Barmer Erklärung, in mehreren Ausgaben ausführlich mit seinem Wirken. In den Ausgaben 48-50/1935 wird insbesondere Stoeckers Bedeutung für die Politik im „Dritten Reiche“ betrachtet.

Im „Mindener Tageblatt“ konnte man am 20. Februar dieses Jahres lesen: „Kirche arbeitet ihre Geschichte auf“. Eine Antwort auf die heutige Haltung des Kirchenkreises zu Stoecker lässt trotzdem weiter auf sich warten. Nur zur Namensgebung für das „Adolf Stoecker Gemeindehaus“ in Hille/Eickhorst wurde ganz formal erklärt, dass das ”Sache der Presbyter” sei (zuletzt im MT vom 25. März 04).

Was jedoch 1935 in der hiesigen Kirchenzeitung (alle evangelischen Pfarrer der Synode Minden fungierten gemeinsam als Herausgeber, die Schriftleitung lag bei Pfarrer Pleß und Pfarrer Dedeke) zu lesen war, ist nach Ansicht des Arbeitskreises Antisemitismus nicht nur eine Sache der Hiller Presbyter. Das Zitat „Prophet des Dritten Reiches“ in der Flugblattüberschrift stammt aus dem MS vom 1. Dezember 1935. Im Zusammenhang ist dort nachzulesen: „Den Kampf gegen den Einfluss des jüdischen Geistes hat heute die Staatsführung sich selber zu eigen gemacht ... so ragt Adolf Stoecker als ein Prophet des Dritten Reiches in die Gegenwart hinein.“

Den Satz, die Namensgebung des Eickhorster Gemeindehauses sei allein Sache der Presbyter in Hille, hören wir schon seit Jahren. Bei dem Anspruch jedoch, die eigene Kirchengeschichte aufzuarbeiten, sollte der Kirchenkreis unserer Meinung nach auch einen eigenen Standpunkt benennen können. Dazu das folgende Zitat aus dem MS (Nr. 50) vom 15. Dez. 1935.

In dieser Nummer heißt es, dass Stoecker „... mitgestaltend war bei der Entstehung des Dritten Reiches ... ins Auge springt zunächst einmal sein Kampf gegen das Judentum. Am 19.9. 1879 (die Rede wurde ein Jahr vorher gehalten, AK-Antisemitismus) hielt er seine berühmt gewordene Rede, durch die die Judenfrage erst zum aktuellen Thema der damaligen Zeit wurde ... Stoecker war einer der ersten gewesen, der die vergiftete Macht moderner jüdischer Gedankengänge in unserem deutschen Vaterlande erkannte, zumindest war er derjenige, der die deutsche Öffentlichkeit zum ersten Mal entscheidend aufmerksam machte auf das, was das Judentum am deutschen Volk sündigte. Er war es, der hinwies auf die verhältnismäßig große Prozentzahl jüdischer Intellektueller in juristischen Kreisen, in Kreisen der Ärzte, an den höheren Schulen Deutschlands, vor allen Dingen aber auch in der Presse. Er war es, der darauf aufmerksam machte, dass der jüdische Geist innerhalb Deutschlands ein Fremdgeist sei und dieser Fremdgeist die Seele unseres Volkes zu verderben drohe. Natürlich flammte der Hass des Judentums gegen diesen Kämpfer lichterloh auf ... Dabei hat Stoecker in seinem Kampf gegen das Judentum niemals die vom Evangelium gezogenen Grenzen überschritten. Er kämpfte nicht gegen Judentum und Altes Testament, sondern er kämpfte mit dem Alten Testament gegen das Judentum. ...“ (Stoecker wird dazu im Text zitiert)

„Wir leugnen nicht, dass Israel die Erkenntnis des persönlichen einigen Gottes durch das Altertum wie eine Flamme getragen hat, bis Christus kam und den vollkommeneren Glauben, den reicheren Gottesbegriff, die höhere Wahrheit brachte. Aber es ist doch eine Tatsache, dass das Volk Israel immer und immer wieder in den Götzendienst zurückfiel, dass Gott nur durch die Sendung von gewaltigen Persönlichkeiten den Abfall für kurze Zeit dämpfen konnte. Israels Verdienst ist es wahrlich nicht, dass die Lehre von dem einen Gott der Welt erhalten blieb, sondern Gottes Gnade. Israel ist es, das an Christus scheiterte, seinen göttlichen Kurs verlor und nach dem schneidigen Entweder-Oder des Herrn Jesus: ’Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon’, den Götzen des Geldes nachgelaufen ist. ...” (Ende des Stoecker Zitates)

Das Sonntagsblatt fährt fort: „Stoecker ist lsrael gegenüber fast wie einer der alttestamentlichen Propheten. Er sagt ihm seine Sünden und lässt es erkennen, dass es an diesen Sünden zugrunde gehen muss und um dieser Sünde willen ein Fluch für alle Völker sein wird. ... Sein Kampf gegen das Judentum war niemals dem Hass entsprungen, niemals dem Neid und der Missgunst, sondern lediglich der heilig brennenden Liebe zu seinem Volk und Vaterland. Er konnte es nicht zugeben, dass an dem jüdischen Gift Deutschland zugrunde ging, und er erkannte doch, dass das unbedingt eintreten würde, wenn dem Judentum nicht seine Grenzen gezeigt würden. ...“

Die Herausgeber des MS rechneten sich innerkirchlich allesamt zur Bekennenden Kirche. Wenn in der Einladung für die Podiumsdiskussion am 2. Juni gefragt wird: „Was kann uns die Barmer Erklärung heute sagen?“, sollte man im Kirchenkreis nicht länger dazu schweigen, wie sich die hiesigen Bekenntnispfarrer mit ihrer Zeitung an der Judenausgrenzung beteiligt haben. Kurz bevor der oben zitierte Artikel im MS erschien, waren im September 1935 die Nürnberger Rassengesetze erlassen worden. Viele halten heute noch die Kernthese von Barmen, „dass allein die Heilige Schrift und das Bekenntnis zu Jesus Christus Leitlinien der Kirche sein dürfen“ (Einladung zur Podiumsdiskussion), per se für einen Beweis kirchlicher Nazigegnerschaft. Dies trifft aber insgesamt nur auf die Auseinandersetzungen um das Kirchenregiment und mit Einschränkungen bei der Predigt zu. Demgegenüber kämpfte die Bekennenden Kirche mehrheitlich im Geiste Stoeckers „mit dem Alten Testament gegen das Judentum“. Das dokumentiert ihr Bemühen um einen ideologischen Gleichschritt mit dem Regime in Fragen der Judenfeindlichkeit - mit der Bibel unter dem Arm!

Info des AK-Antisemitismus, Juni 2004, presserechtlich verantwortlich: K.- H. Sekatsch Winkelmann, Tel. 05734/7862


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